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Schöpfung und Evolution

Es werden immer wieder Menschen, die die Schöpfung statt der Evolution für wahr halten, als hinterwäldlerische religiöse Fundamentalisten hingestellt, die keiner ernst nehmen könne oder schlimmer noch, vor denen man sich in Acht nehmen sollte. Wir wollen an dieser Stelle weder solche Menschen verteidigen, die einen solchen Glauben haben, noch wollen wir die Bibel mit ihrem Schöpfungsbericht verteidigen. Auch wollen wir hier an dieser Stelle bewusst keine Argumente für die Schöpfung auflisten, weil das doch nur dazu führen würde, dass Gegenargumente, die den Standpunkt der Evolutionslehre untermauern ("beweisen") sollen, angeführt werden. Das geschieht nämlich leider häufig recht aggressiv und heraus käme nur eine lange Liste von Argumenten und Gegenargumenten. Statt dessen sollen hier Anhänger der Evolutionslehre zu Wort kommen, um aufzuzeigen, dass es mit der Beweisführung durch die Naturwissenschaften nicht so steht, wie man es als durchschnittlicher Bürger glaubt. Die folgenden Zitate von Naturwissenschaftlern, wie auch der Artikel der Stuttgarter Zeitung machen deutlich, dass das Festhalten an der Evolutionslehre auch nur ein Akt des Glaubens ist.



"Es ist absurd und absolut unsinnig zu glauben, dass eine lebendige Zelle von selbst entsteht; aber dennoch glaube ich es, denn ich kann es mir nicht anders vorstellen."

Ernest Kahane, Biochemiker
Quelle: Attenborough, D. (1979):  Das Leben auf unserer Erde, Hamburg, Berlin



"Wir besitzen keine positiven Beweise für den anorganischen Ursprung des Lebens oder die tierische Abstammung des Menschen, ja wenn wir pedantisch sein wollen, nicht einmal für die Abstammungslehre selbst. Aber ich gestehe, dass ich es für ganz unnütz halten würde, aus dieser Feststellung irgendeine Skepsis gegen die Entwicklungslehre abzuleiten. ... wo anders unter den Tieren könnten wir die Vorfahren der Menschen suchen?"

Carl Friedrich von Weizsäcker (geb. 1912) war Physiker und Philosoph, ursprünglich in der Kernforschung beschäftigt, Professor für theoretische Physik in Berlin und Straßburg, später Dozent für Philosophie in Hamburg.
Quelle: v. Weizsäcker, C.F. (1964):    Die Tragweite der Wissenschaft, Bd. 1, Stuttgart



"Wir haben diese Evolution ... noch nicht verstanden, aber wir haben viel erreicht an Einsicht, wenn wir wenigstens dies erkennen."

Joachim Illies, Professor für Biologie
Quelle: Illies, J. (1982):    Genügen Zufall und Notwendigkeit? Umschau 82, S. 223-227



Artikel aus der Stuttgarter Zeitung vom 17.08.2007:

Zufallsprodukt der Evolution - oder nicht
Es lohnt sich, über Darwins Lehre zu streiten

Von Rolf Spinnler

Steht uns ein neuer Kulturkampf bevor? Seit die hessische Kultusministerin vorgeschlagen hat, man solle die Schüler im Biologieunterricht nicht nur mit der Darwin"schen Evolutionstheorie, sondern auch mit der monotheistischen Schöpfungslehre bekannt machen, sehen nicht wenige den wissenschaftlichen Standard der deutschen Schulen in Gefahr. Wer empirische Naturwissenschaft und religiöse Weltbilder auf eine Stufe stelle, verstoße nicht nur gegen die weltanschauliche Neutralität des staatlichen Schulsystems, sondern beschädige auch den Wissenschaftsstandort Deutschland. Die Schöpfungslehre, so fordern diese besorgten Stimmen, habe in einem wissenschaftlichen Schulfach nichts zu suchen, sondern dürfe allenfalls im Religionsunterricht behandelt werden. Andernfalls drohten uns zermürbende Auseinandersetzungen wie in den USA, wo sich an vielen Schulen die Elternvertreter streiten, ob Charles Darwins Theorie oder die Bibel die Richtschnur für den Biologieunterricht ihrer Kinder abgeben soll.

Doch was heißt hier Wissenschaft? Gehört zu deren Prinzipien nicht die Bereitschaft, das herrschende Wissen immer neu einer kritischen Revision zu unterwerfen? Warum fürchten die Anhänger der Evolutionstheorie die Auseinandersetzung mit konkurrierenden Deutungsmustern der Naturgeschichte so sehr, dass sie die Kritiker des Darwinismus immer wieder als hinterwäldlerische religiöse Fundamentalisten hinstellen, die keiner ernst nehmen könne?

Den Gefallen wollen wir ihnen hier nicht tun. Man muss nicht daran glauben, dass die Welt in sechs Tagen erschaffen wurde, kann aber dennoch gewichtige Einwände gegen die Evolutionstheorie haben. Es reicht nicht, wenn diese Einwände lediglich im Religionsunterricht zur Sprache kommen. In diesem Fall bleiben nämlich die Parallelgesellschaften der Theologen und der Naturwissenschaftler in ihren jeweiligen Ghettos unter sich, statt miteinander ins Gespräch zu kommen. Man landet dann beim Nebeneinander von zweierlei Wahrheiten, was sowohl mit der monotheistischen Idee als auch mit dem Selbstverständnis der modernen Wissenschaft unvereinbar wäre. Denn beide stehen und fallen mit der Idee der einen Wahrheit.

Was also ist Wissenschaft? Naturwissenschaftler berufen sich heute in der Regel auf jene Erkenntnistheorie, die in den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts von den Vertretern des Wiener Neopositivismus entwickelt wurde: von Autoren wie Ludwig Wittgenstein, Rudolf Carnap, Moritz Schlick und Karl Popper. Popper hat in seiner "Logik der Forschung" von 1935 den Erkenntnisprozess so beschrieben: Am Beginn der Forschung steht eine Hypothese, die sich dann empirisch bewähren muss. Unter Bewährung versteht Popper den Versuch, sie zu widerlegen, zu "falsifizieren", denn - so lautet seine Pointe - eine Theorie lässt sich zwar widerlegen, aber nie endgültig bestätigen. Wenn sie verschiedene Falsifikationsversuche erfolgreich überstanden hat, dann kann sie als "bewährte Hypothese" gelten, die aber stets für weitere Widerlegungsversuche offen sein muss.

Der Darwinismus, der durch Charles Darwins 1859 publiziertes Buch "Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl" begründet wurde, behauptet bekanntlich Folgendes: Die Vielfalt der heute existierenden Pflanzen- und Tierarten ist im Laufe eines Jahrmillionen dauernden Prozesses entstanden, bei dem sich durch genetische Mutation und Selektion - dem Überleben der am besten an ihre Umwelt angepassten Arten - aus einfachen Lebensformen immer kompliziertere entwickelt haben. Den vorläufigen Endpunkt dieser Evolution bildet die Tierart "Homo sapiens sapiens": der Mensch. Legt man an diese Evolutionstheorie die Popper"sche Erkenntnismethode an, so lässt sich ihr Status klar bestimmen: Sie ist eine in vielen, aber keinesfalls allen Punkten bewährte Hypothese - nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Es würde an dieser Stelle zu weit führen, all jene Punkte der darwinistischen Lehre aufzuzählen, bei denen noch Klärungsbedarf besteht. Nur einer sei herausgegriffen: jene kritische Phase, in der die genetischen Mutationen nicht mehr lediglich zu Varianten innerhalb einer bestehenden Spezies führen, sondern in einem qualitativen Sprung eine neue Art entstehen lassen. Dasselbe Problem tut sich auch an den großen Nahtstellen der Naturgeschichte auf: beim "Urknall" und der Entstehung der Naturgesetze, beim Übergang von der anorganischen zur lebendigen Natur oder bei der Entstehung des menschlichen Geistes.

Es geht dabei jeweils um das Hervortreten des radikal Neuen - und genau das können die Evolutionstheoretiker nicht befriedigend erklären. Sie führen das Neue stets nur auf das Bekannte zurück, mogeln sich durch Begriffe wie "Emergenz", "Fulguration" (Konrad Lorenz) oder "Hyperzyklus" (Manfred Eigen) um das Problem herum. Doch das sind theoretische Konzepte, die um keinen Deut weniger spekulativ sind als die alte Lehre von der "creatio ex nihilo", der Schöpfung aus dem Nichts. Damit soll nichts gegen spekulatives Denken gesagt sein. Das Paradox besteht hier nur darin, dass ausgerechnet diejenigen, die stets das Ideal der harten, empirischen Wissenschaft gegen jede Form von spekulativer Metaphysik ausspielen, selbst zu theoretischen Spekulationen Zuflucht nehmen. Der Philosoph Robert Spaemann merkt hierzu süffisant an: "Das Evolutionsprogramm als antimetaphysisch zu kennzeichnen ist Koketterie: es ist extrem metaphysisch." Damit brechen aber die Kampfparolen der Darwinisten in sich zusammen. Hier steht nicht mehr Wissenschaft gegen Metaphysik, sondern Spekulation gegen Spekulation. Bestsellerautoren wie Jacques Monod ("Zufall und Notwendigkeit", 1971), Richard Dawkins ("Das egoistische Gen", 1978) oder Daniel Dennett ("Darwins gefährliches Erbe", 1997) verwandeln die Evolutionstheorie von einer wissenschaftlichen Hypothese mit begrenzter Reichweite in einen Universalschlüssel, der alle Welträtsel aufzulösen verspricht: die Entstehung des Universums und des Lebens, des menschlichen Geistes, der Kultur, der Moral und der Religion. Bei ihnen wird unter dem Deckmantel der Wissenschaft eine Weltanschauung propagiert. Genau diesen Etikettenschwindel muss man aufdecken und zurückweisen.

Wenn Daniel Dennett die These vertritt: "Gedanken entstehen aus Molekülen, Proteinen, Enzymen", dann könnte das ein heilsames Korrektiv gegen einen falschen Idealismus, eine Philosophie des reinen Geistes sein. Ja, es stimmt, die Menschen sind auch Naturwesen. Aber sie sind Naturwesen, die so "aus den Fugen" der natürlichen Ordnung geraten sind, dass sie - anders als die Tiere - so etwas Exzentrisches wie den Geist benötigen, um überleben zu können. Diesen Geist gäbe es zwar nicht ohne biologische Grundlagen, aber er ist zugleich mehr als die Summe seiner Entstehungsbedingungen. Und genau dieses "Mehr", diesen qualitativen Sprung, durch den jeder neue Gedanke seine biochemischen Voraussetzungen transzendiert, kann die Evolutionstheorie nicht erklären. Die Schöpfungstheologie dagegen schon. Sie führt dieses "Mehr" auf einen Akt grundloser Freiheit zurück, zu dem wir fähig sind, weil wir uns selbst einem nicht mehr ableitbaren göttlichen Schöpfungsakt verdanken.

Das führt uns schließlich zur Frage, welche Folgen es für das menschliche Selbst- und Weltverhältnis hat, wenn wir uns das Weltbild von Dennett, Dawkins und Co. zu eigen machen. Wenn ich glaube, dass mein Leben aus einem blinden Prozess genetischer Variation und Selektion hervorgegangen ist, also keinen "Sinn" hat, dann verpflichtet es mich auch zu nichts. Wenn ich aber der Überzeugung bin, dass du und ich und wir alle so, wie wir sind, gewollt wurden, dann müssen und können wir die uns geschenkte Existenz als Aufgabe wahrnehmen und gestalten. Es macht also einen Unterschied, ob wir uns als Zufallsprodukt der Evolution oder als Ziel eines Schöpfungsakts verstehen. Eben deshalb muss weiter über den Darwinismus gestritten werden.

Aktualisiert: 17.08.2007, 06:17 Uhr

Aus dem Internet entnommen am 24.09.2007 unter
http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/1494940?_suchtag=2007-08-17 
und anschließend mit Texthervorhebungen versehen.

Zur Person des hier hauptsächlich zu Grunde gelegten Karl Popper:

(1902-1994); 1928 Dr.phil.; 1948 D.Litt. an der Universität London; bis 1945 Senior Lecturer an der University of New Zealand; 1945-49 Reader, 1949-69 Professor of Logic and Scientific Method an der London School of Economics and Political Science; 1965 wurde Popper von Queen Elisabeth II. für sein Lebenswerk als Knight Bachelor zum Ritter geschlagen.  1969 Emeritierung; Sir Karl Popper war mehrfacher Ehrendoktor und Träger hoher Auszeichnungen, zuletzt der Otto Hahn-Friedensmedaille der Vereinten Nationen.
Das Karl Popper ein Philosoph war, heißt nicht, dass er wissenschaftsfremd war. Für die Entwicklung seiner Gedanken zur Erkenntnistheorie hatte er persönliche Beziehungen mit Physikern wie z. B. Werner Heisenberg, Erwin Schrödinger, Niels Bohr und Albert Einstein, deren neue Erkenntnisse er berücksichtigte. Insbesondere Albert Einstein teilte schon früh die Position von Karl Popper.

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